nellomag | ausgabe Hello Colour!
15.12.2008 | 13:44

Interview: sleek Herausgeber Lothar Eckstein

Als Abhängige der ersten Stunde, ist es mir einen Freude, dass der Herausgeber Lothar Eckstein- und ganz nebenbei der humanste Chef, den ich je hatte, nellomag ein paar Fragen rund um sleek, die Medienbranche und zu seinem neuen Projekt, beantwortet hat. Das sleek magazine gehört ohne Zweifel zu den besten Kunst, Mode und Fotografie-Magazinen Deutschlands- wenn es nicht sogar DAS beste ist. Und dann soll noch einer sagen, Mut zur Unabhängigkeit würde nicht belohnt werden.

Du hattest einen sehr guten Job und viel erreicht. Was war dein Antrieb alles zu riskieren und einfach mal ein Nischenmagazin herauszugeben?

Wahrscheinlich eine Mischung aus Übermut, Ahnungslosigkeit und Überzeugungstäterschaft. Damit bin ich womöglich typisch für eine bestimmte Sorte Leute gewesen, die solche Dinge anfangen. Man darf es sicher nicht tun, wenn man primär ans Geld verdienen denkt. Man darf es auch nicht anfangen, wenn man keine Passion für das Thema hat. Letztendlich war ich in der ungeheuer privilegierten Situation, die Wahl zu haben, ein Projekt anzufangen, das wirklich etwas mit mir zu tun hat.

2003 war es für kurze Zeit fraglich, ob es mit sleek weitergeht. Viele haben nicht daran geglaubt. Wie bist du damit umgegangen?

Es war oft fraglich, wie es mit sleek weitergeht. Sicher drei, viermal. Mein Umgang damit war in erster Linie davon getrieben, nicht verlieren zu wollen. Das hat es leichter gemacht, eigentlich unvernünftige Risiken einzugehen.

sleek hat ein extrem gutes Image. Dennoch orientieren sich viele an ausländischen Magazinen. Wie schätzt du den deutschen Markt ein? Fehlt der Mut?

Ich glaube, die deutsche Independent Magazinszene ist einfach noch zu jung. In England gibt es da eine Tradition, die mittlerweile 30 Jahre alt ist. In Deutschland sind es keine 10 Jahre. Das kommt schon noch. Allerdings wird die deutsche Szene dauerhaft darunter leiden, dass es anders als mit London oder Paris in Deutschland kein ausreichend grosses urbanes Zentrum gibt. Berlin ist die einzige Chance – aber auch das ist eigentlich zu klein und in bestimmten Segmenten leider gar nicht mal auf der Landkarte.

Die aktuelle sleek-Ausgabe heißt „Big/Small.“ Welche Geschichte oder Künstler darin, war dir am wichtigsten?

Ist doch klar. Das Hauptfeature meiner Freundin Annika über Künstler, die mit visuellen Masstabs-Verschiebungen arbeiten. Daneben die Modegeschichte von Les Deux Garcons. Die sollte man als Photographen im Auge behalten.

Welche Magazine liest du selbst?

Ich lese Cicero und zunehmend enttäuscht den Spiegel. Daneben vieles aus unserem Kunst, Mode und Lifestyle-Bereich, bei dem ich aber nicht mehr unterscheiden kann, ob ich es primär als Teil der Jobs tue. Oder einfach nur so. Im Augenblick lese ich Fantastic Man und Dummy.

Print vs. Online. Wie siehst du die Entwicklung?

Ich sehe ein Katastrophe für den Qualitätsjournalismus auf uns zukommen. In den USA werden schon Stiftungen gegründet, um etwas davon zu erhalten. Das grosse Demokratisierungs-Versprechen des Internets ist massiv ins Wanken geraten.

Seit 2006 präsentiert sleek auf Europas größtem LED-Display auf dem Dach des Axel-Springer-Hochhaus in Berlin Medienkunst im Rahmen des Projekts „sleek publics“ Wie kam die Idee zustande?

Naja, Matthias Döpfner war mal mein Chef. Da lag es nahe, in einfach mal zu fragen. Kunst, die mit elektronischen Medien arbeitet, hat an Bedeutung gewonnen. Also Printmedium können wir das nur begrenzt abbilden. Bewegtbildflächen – und das noch im Outdoorbereich – sind daher sehr wertvoll.

Gibt es neue Projekte oder Pläne für die Zukunft?

Ja, sehr wichtige sogar. Mit 2 Partnern habe ich gerade die b20 publishing gegründet. Zu dieser gehören jetzt 3 Magazine: Qvest, Luna und sleek. Die Idee ist, dass die Magazine redaktionell unabhängig bleiben. Wir aber andererseits die für Dinge gemeinsam tun, die für Independent Magazine mangels kritischer Masse traditionell schwer sind: Anzeigen- und Heftvertrieb, Finanzierung, Druck und Papiereinkauf. Das ist ein ganz wichtiger erster Schritt. Wir hoffen, dass wir trotz Krise bald noch weitere Magazine dazukaufen können.

Wie findest du die Balance zwischen Kommerz und Kunst?

Darin liegt oft ein Zielkonflikt. Klar. Ich halte diesen Zwiespalt aber für eine sehr wichtige Triebfeder. Oft sind in den letzten Jahren gerade dort, wo sich diese Dinge überlappen und aneinander reiben, wichtige neue Impulse entstanden. Jedenfalls kommen sie heutzutage am allerwenigstens aus der staatlich subventionierten Schwiemelkunstwelt, die leider oft ausgerechnet in den traditionellen oft akademischen verorteten Zirkeln anzutreffen ist. Die Subventionswelt produziert selten mehr als Mittelmass. Die Reibung aus Kunst und Kommerz halte ich also für produktiv.

Wo siehst du die Vorteile bzw. Nachteile der Selbstständigkeit?

Wenn es gut geht: Sie macht erwachsen und verantwortungsbewusst. Sie macht im Kopf frei; wenn auch selten im Alltag. Es gibt nur Wenige, die freiwillig zurück in das Angestellten-Dasein gehen. Das sagt eigentlich schon alles. Leider ist aber Deutschland insgesamt sehr Selbstständigen-feindlich gesinnt. Das reicht vom Finanzamt bis zur grossen Teilen der veröffentlichten Meinung. Die durchschnitts-doofe Deutsche kann meist nicht mal einen Manager von einem Unternehmer unterscheiden. Aber das ist ein anderes Thema.

Gab es einen Tag, an dem du gemerkt hast, dass es Routine wird, ein Magazin herauszugeben?

Von dem Tag träume ich manchmal. Gab es bisher nicht.

Nach sechs Jahren sleek – was würdest du anders bzw ganz genau so machen?

Das Wichtigste: Ich wäre radikaler und würde mich von Anfang an trauen, grösser zu denken.

www.sleek-mag.com

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