In Frau Röders Blick lag etwas Geheimnisvolles und ein kaum wahrnehmbares Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. Fragend blickte ich Sarah an, die sofort begriff und unseren Lästerblock aus ihrer Tasche hervorkramte. Den Block, der eigentlich eher ein kleines Büchlein war, hatten wir uns bereits am ersten Tag an der ELITE Institution gekauft. Damals hieß er allerdings noch Infoblock. Diverse Geschehnisse hatten im Laufe der Zeit jedoch dafür gesorgt, dass aus dem „Info“ ein „Läster“ wurde. Diesen schob sie mir nun unauffällig zu. DIE FÜHRT DOCH WAS IM SCHILDE, ODER? SCHAU DOCH MAL, WIE DIE LÄCHELT…! Ich zuckte nur mit den Schultern, denn ich merkte, dass Frau Röder mich ansah. Vielmehr sah sie direkt durch mich hindurch. Trotzdem wollte ich kein Risiko mit dem Lästerblock eingehen, da sie ihn uns schon einmal beinahe abgenommen hatte, als sie uns beim Schreiben erwischte. Obwohl ich mir sicher war, dass sie mich nicht wirklich ansah, lächelte ich vorsichtshalber ein unbeteiligt. Unter dem Tisch trat ich Sarah, die sich erbarmte und sich laut in ihre Faust räusperte. Das verfehlte seine Wirkung nicht und Frau Röder zuckte zusammen. Sie löste ihren Blick von mir und wandte sich schließlich der gesamten Klasse zu. „Ich habe eine unglaubliche Überraschung für euch!“ Ein Raunen ging durch die Reihen und auch ich verspürte schlagartig eine gewisse freudige Anspannung.

In einem unbeobachteten Moment kritzelte ich: BESTIMMT LERNEN WIR EINEN STAR ODER EINEN GROßEN DESIGNER KENNEN. ODER WAS MEINST DU? Diesmal war es Frau Röder, die versuchte, sich durch lautes Räuspern bei der aufgekratzten Meute, zu der ich mich heute wohl auch zählen musste, Gehör zu verschaffen. Man konnte ihr jedoch ansehen, dass sie es genoss, uns noch ein bisschen zappeln zu lassen, bevor sie die Bombe platzen ließ. Mittlerweile war es totenstill und 28 Augenpaare waren gespannt auf unsere Dozentin gerichtet. „Eine von euch wird an einem absolut professionellen Fotoshooting teilnehmen.“ Sie spuckte quasi jede Silbe einzeln hervor, um ihrer Aussage mehr Bedeutung zu verleihen. In der ersten Reihe, besetzt von unseren Möchtegern-Sternchen, brach Gequieke aus. Scheinbar nahm man hier an, dass eine von uns das Model sein sollte. Auch Frau Röder bemerkte das Missverständnis sofort und intervenierte äußerst taktvoll, um auch ja niemanden bloß zu stellen. „Ach Isabella, DU wirst bestimmt nicht das Model sein! Nein, viel besser. Eine von euch wird Starfotograf Mike Henze auf die Finger schauen und sich bei unserem Topmodel ein paar tolle Posen abgucken können. Ist das nicht fantastisch?“ Ihr entging weder Isabellas angefressenes Gesicht, noch die allgemein enttäuschte Stimmung. Irgendwie hatte sich wohl jede von uns etwas, sagen wir mal aufregenderes, gewünscht.

Frau Röder wusste allerdings sofort, wie sie die Situation retten konnte. „Einige von euch laufen ja bei unserer Modenschau. Und am Ende des Catwalks ist eine coole sexy Pose einfach unabdinglich, sozusagen eure Visitenkarte. DIE Chance also nun, euch was abzugucken.“
Voller Schrecken erinnerte ich mich an die angekündigte Anprobe am nächsten Tag. Fitting würde Claudius Caruso es nennen. In zwei Wochen sollte die FIRST, die große Modenschau der ELITE INSTITUTION stattfinden und die ganze Schule war in heller Aufruhr. So auch Sarah und ich. Durch einen unglücklichen Zufall würde auch ich mich am nächsten Tag zu dieser ersten Anprobe schleppen müssen, auch wenn ich selbst mich nicht für geeignet hielt. Manchmal spielte einem das Leben schon komisch mit.
„Am besten losen wir es aus. Das ist fair und keine von euch kann sich wieder einmal benachteiligt fühlen. Also auch gut für mich!“ Sie lächelte provokativ und forderte uns auf, unsere Namen auf kleine Zettel zu schreiben, den wir anschließend in eine knittrige Pappschachtel warfen. Clara wurde als Glücksfee auserkoren und sich ihrer großen Verantwortung bewusst, rührte sie extra lange in der Schachtel herum, bis sie sich schließlich, ohne hinzuschauen, für einen Zettel entschieden hatte.

Sofort riss Frau Röder ihn ihr aus der Hand und entfaltete ihn hektisch. Sie schien aufgeregter zu sein, als wir alle zusammen. Sobald sie den Namen las, veränderten sich ihre Gesichtszüge. Etwas weniger euphorisch verkündete sie: „And the winner ist … Miaaaa! Herzlichen Glückwunsch!“ Gina begann, Applaus zu klatschen, wohl um ihre eigene Enttäuschung zu überspielen, doch als alle anderen einfielen, freute ich mich, dass die Mädels mir den Erfolg scheinbar doch gönnten. „Mia, such dir doch noch eine Person aus, die das Erlebnis mit dir teilen darf. Vielleicht eins von den Mädchen, die auch auf der Schau laufen?“ Aus ihrem Mund klangen diese Worte weniger wie eine Frage, sondern vielmehr wie ein Befehl. Sarah drückte unter dem Tisch meine Hand.. „Dann nehm ich Sarah mit.“ Aus der Reihe vor mir konnte ich Sätze wie „Na, das war ja klar.“ oder „Na super, laufen beide nicht auf der FIRST, aber sahnen hier dick ab.“ Solche Kommentare wunderten mich nicht.

Mehr als 30 Mädchen hatten sich zu einem Halbkreis aufgestellt und Claudius fing an, sie einzeln mit Namen aufzurufen. „Betty, Jenny, Laura, Mischelle, … hab ich irgendwen jetzt nicht aufgerufen?“ Einen kurzen Moment lang überlegte ich mir, einfach nichts zu sagen und mich still und heimlich aus dem Raum zu schleichen. Schließlich wollte ich sowieso nie bei dieser Möchtegern-Modenschau mitlaufen. „Mich!“, hörte ich eine Stimme sagen und noch bevor ich merkte, dass diese Stimme meine eigene war, sah mich Claudius bereits fragend an. Alle drehten sich zu mir um und eine nach der anderen begann, ihre Blicke meinen Körper rauf und runter wandern zu lassen. Ich glaubte sogar, bei einer riesigen Brünetten in der zweiten Reihe ein verächtliches Grinsen zu entdecken. Doch damit nicht genug. „Ach ja, du da hinten. Ja… wie heißen wir denn?“ Wie WIR heißen? Also wenn ich etwas auf den Tod nicht ausstehen konnte, dann solch eine Art von Arroganz. Na warte, dir knalle ich eine bissige Antwort entgegen. Ich spürte, wie mir das Blut in die Wangen schoss. „Mia, Mia Fröhlich.“ Na das hat ja fantastisch geklappt. Weichei! Es schien eine halbe Ewigkeit zu vergehen, bis Claudius meinen Namen auf seiner Liste fand. „Ach ja, … hier. Tja Mia, du bist auf der Reservebank. Bei dir könnte es mit der … ja wie soll ich es jetzt so formulieren, dass es dir vor den anderen Mädchen nicht total peinlich ist? Ja, bei dir könnte es mit der Passform der Hosen etwas … sagen wir knapp werden.“ Sein Blick klebte an meinen Oberschenkeln. Ich fühlte mich wie ein stark übergewichtiger Junge, der sich zum Ballettunterricht anmeldete und rang um Fassung. Plötzlich war da dieser Kloß in meinem Hals, der zu wachsen schien, je mehr ich versuchte, ihn hinunter zu schlucken. Okay Mia, scheiß drauf. Du wolltest das doch sowieso nicht machen. Aber warum hatte er mich dann überhaupt hier her bestellt? Hätte er mir das nicht unter vier Augen sagen können, in einem Raum, in dem die Peinlichkeit geblieben wäre, wenn ich die Tür hinter mir zugezogen hätte? Nun aber stand ich in einem großen Raum, umzingelt von tuschelnden Mädchen, deren Passform sicher an keiner Körperstelle Probleme bereiten würden. Mädchen, die nun mal nicht Kleidergröße 36 hatten, so wie ich.
„Ach Mädchen…, wie heißt du noch mal? Jetzt guck doch nicht so enttäuscht. Warum hast du dich denn überhaupt zum Modeln gemeldet?“ Ich unterdrückte die aufkommende Empörung und zwang mir ein Lächeln aufs Gesicht, das genauso falsch war, wie alles und jeder andere in diesem Raum. Fakt war nämlich, dass ich mich eben NICHT freiwillig zum Modeln gemeldet hatte. Claudius hatte mich in einer Pause auf dem Weg zum Klo abgefangen und mich belabert, mich doch bitte einmal vermessen zu lassen. Ich hatte widersprochen, schließlich wusste ich selbst, dass ich zum Modeln zehn Zentimeter mehr und fünf Kilo weniger gebraucht hätte. Außerdem hatte ich mich im Rampenlicht nie sonderlich wohl gefühlt. Trotzdem ließ ich die Prozedur nach kurzer Gegenwehr widerwillig über mich ergehen. Und nun stand mir dieser pummelige Mann gegenüber, zwirbelte sich seine langen schwarzen Haare um den Finger und fragte mich allen Ernstes, warum ich mich für die Modenschau gemeldet hatte? Ich schnappte nach Luft und merkte, wie mein Herz zu rasen begann. „Ich … ich habe mich nicht gemeldet!“, brachte ich entrüstet hervor. „Ja sicher Kleine, und genau deshalb bist du hier, oder?“ Einige der riesigen Hupfdohlen fingen an, albern zu kichern, so dass sich Claudius erst recht bestätigt fühlte und tatsächlich noch einen drauf setzte. „Sei nicht traurig, Mädchen. Du siehst ja nicht schlecht aus, aber du bist nun mal einfach ein klitzekleines bisschen zu dick!“ Er hielt Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand etwa fünf Zentimeter auseinander. „Mach doch mal Sport, vielleicht klappt es dann im nächsten Jahr.“ Seine verbale Faust traf mich mitten ins Gesicht, so dass ich in Gedanken taumelte. Ich musste raus hier, sofort. Ich schaffte es, meinen von Blicken durchlöcherten Hintern aus dem Raum zu schieben, ohne mich noch einmal umzusehen. Das war auch gar nicht nötig, denn ich spürte auch so, dass ich von hämischem Grinsen verfolgt wurde. Als ich die letzte Treppenstufe hinunter, durch die Tür ins freie stürzte, ärgerte ich mich, dass ich so unfähig gewesen war, ein saftiges Kontra abzulassen oder wenigstens irgendetwas Witziges zu erwidern. Ich war doch sonst so schlagfertig, doch mit so einer Situation hatte ich nicht gerechnet. Noch nie zuvor war ich derart bloß gestellt worden! Und als dick hatte mich auch noch niemand bezeichnet. Ich wog 55 Kilo bei einer Größe von 1,70m. Mit zittrigen Fingern prokelte ich mein Handy aus meiner Handtasche und wählte Sarahs Nummer. Nachdem ich mich vor lauter Rage zweimal verwählte, schmiss ich das Handy zurück in die Tasche und zwang mich, mich zu beruhigen. Dann fasste ich einen Entschluss. Langsam drehte ich mich um, öffnete die Tür, ging hindurch und nahm immer zwei Treppenstufen auf einmal. Als ich auf dem oberen Absatz angekommen war, hielt ich noch einmal inne. Sollte ich das jetzt wirklich tun? Und was für Konsequenzen würde ich tragen müssen? Ich bekam Zweifel. Doch als ich Claudius` überhebliche Stimme sogar durch die geschlossene Tür noch unangenehm aufdringlich vernahm, schaltete ich meinen Kopf aus und setzte mich in Bewegung. Meine Hand umschloss den metallenen Türgriff so fest, dass meine Fingerknöchel weiß hervortraten. In meiner Handfläche spürte ich meinen eigenen Herzschlag. Er war schneller als sonst, durch die Aufregung. Jetzt oder nie Mia! Wer mich bloß stellte musste auch das Echo vertragen können. Ich schloss die Augen und zählte innerlich bis drei. Dann riss ich die Tür auf.

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