Mehrere Wochen an der ELITE Institution waren bereits vergangen. Mit den morgendlichen “Check-Ups“ der Outfits hatte ich mich mittlerweile abgefunden, an sie gewöhnen würde ich mich allerdings nie. Nach der Klamotten-Kontrolle teilten sich die Grazien in kleine Grüppchen auf, entweder um über ein „gefaktes“ Designerteil, das sie an einer Mitstudentin entdeckt hatten zu lästern und sie somit aus ihrem elitären Kreis zu verbannen. Oder um neue Shopping-Tipps auszutauschen. Da ich weder auf gefälschte “It-Bags“ stand, noch Interesse daran hatte, dem neusten Trend, sich solch ein Täschchen einen Monat lang für eine absurde Summe zu leihen, konnten die Damen mit meinem Style nicht wirklich viel anfangen. Und das war mir nur Recht. Eine neue Woche brach an. Ein Montagmorgen bedeutete, dass das “Check-Up“ flüchtiger ausfiel, denn das Hauptinteresse der Grazien galt dem vergangenen Wochenende. Wer wo mit wem abstürzte - natürlich in welchem Outfit - und wie viele Schampusflaschen nun auf Papis schwarzem Kärtchen lasteten. Frau Röder unterbrach das Geschnatter mit lautem Türenknallen. Modepsychologie stand auf dem Plan. Da sie allerdings mal wieder zu faul war, um vernünftigen Unterricht mit uns zu machen, wurden wir einmal aufs Neue zu Gruppenarbeit verdonnert. Ich hasste es, da ich die kreischenden Weiber, die während der Gruppenarbeit noch lauter durcheinander schrieen, einfach nicht ertragen konnte.

Alle saßen in einem großen Sitzkreis und unterhielten sich gegenseitig mit sinnfreier Konversation. Ich fühlte mich an den ersten Tag an der ELITE erinnert. Nach endlosem Smalltalk würden sich gegebenenfalls zwei bis drei Freiwillige (in der Regel waren es immer die gleichen) melden, die dann in Windeseile die eigentliche Aufgabe bearbeiteten, so dass man am Ende der Stunde Frau Röder zufrieden stellen konnte. Auch Sarah und ich gehörten immer zu denjenigen, die am Ende die Arbeit machten, um vor den Dozenten nicht schlecht da zu stehen. Ein Danke oder ähnliches gab es von den Grazien nie, dafür bekamen sie aber die gleiche gute Note wie wir, ihre Handlanger. Das Leben war eben nicht immer gerecht. Wieder einmal saßen wir nun in dieser Runde und das Gespräch hatte bereits Talkshow-Niveau angenommen. Wir, das waren Larissa, Elisa, Silvia, Viktoria, Johanna, Chloé, Kathlen, Gina, Isabella, Sarah und ich. Von Schminktipps, beliebten Sexpraktiken und Maniküre waren wir gerade beim Witze erzählen angekommen. Unglaublich, was manche Menschen witzig fanden. Ebenso unglaublich, wie sie sich immer noch über uralte Blondinenwitze schlapp lachen konnten. „Was sagt man zu einer Blondine ohne Arme und Beine?“, fragte Isabella begeistert in die Runde. Da keine von uns die Antwort wusste, löste sie auf: „Hm, hübsche Titten!“. Ich fühlte mich reichlich verloren zwischen all diesen Pseudocomedians und war scheinbar die einzige, die sich nicht amüsierte.

Plötzlich erinnerte ich mich an einen Witz, den mir ein guter Freund vor längerer Zeit erzählt hatte. Da sowieso gerade Ruhe eingekehrt war, was Seltenheitswert hatte, ergriff ich mutig das Wort, gespannt auf die Reaktionen der anderen. „Zwei Männer gehen in die Sauna. Der eine hat eine Hasenscharte und der andere…“ „Was ist denn eine Hasenscharte?“ Viktoria sah mich mit einer derart ehrlichen Dummheit an, dass ich mir überlegte, ob ich das Experiment Witz nicht besser sofort an dieser Stelle für gescheitert erklären sollte. Während ich noch überlegte, wie ich es am leichtesten verständlich für alle formulieren könnte, platzte es aus Elisa heraus: „Bist du dumm oder was? Na so ne Hasenscharte. So ein Glücksbringer. Die Dinger aus Fell.“ Ich war entsetzt und stellte Elisas peinlichen Klugscheißerversuch richtig. „Eine Hasenscharte ist eine Fehlbildung im Mundbereich. Korrekt heißt es Lippenspalte. Da ist die Oberlippe nicht richtig zusammengewachsen.“, erklärte ich. „Ja und wie geht es denn nun weiter?“ Elisa wirkte übertrieben ungeduldig und funkelte mich wütend aus arroganten Augen an. Offensichtlich ein schwacher Versuch, ihren kleinen Fauxpas zu überspielen. Mittlerweile hatte ich wirklich keine Lust mehr, weiterzuerzählen. Da mich allerdings neun weitere Augenpaare mehr oder weniger interessiert ansahen, setzte ich noch einmal an. „Also, der eine Mann hat wie gesagt eine Hasenscharte und der andere hat einen Wasserkopf.“

Kathlen stand auf. „Hey sorry Leute, aber ich habe für solche abgespaceten Sience-Fiction-Witze nichts übrig. Ich geh mal eine rauchen.“ Deutlich leiser fügte sie hinzu: „Wasserkopf…pfft, wie soll das denn aussehen?“ Sie verweigerte sich jeder weiteren geistigen Anstrengung und verließ den Raum. Johanna kramte ihre Kippen hervor und schloss sich ihr an. Mich wunderte, dass die anderen Raucher sitzen blieben, zumal sie sonst auch jede erdenkliche Möglichkeit nutzten, um dem Unterricht für ein paar Minuten zu entfliehen. „Ach, wisst ihr was? Lassen wir das!“ Ich brach verunsichert ab. Wahrscheinlich war es das Beste, einfach den Mund zu halten und sich weitere Unterbrechungen zu sparen. „Ach komm, jetzt scheiß dich nicht ein und erzähl weiter!“ plärrte Gina. „Genau, zick nicht rum, Alte!“ Isabella schien es zu gefallen, in die gleiche Kerbe zu hauen wie ihre Busenfreundin oder um es in ihren Worten zu sagen “Tittenschwester“. Um mich vor weiteren Attacken zu schützen, fuhr ich schließlich fort: „Sagt der mit der Hasenscharte: Ganz schön heiß hier, ne?“ Ich versuchte, ein sich möglicherweise durch die Hasenscharte ergebendes Lispeln zu imitieren. Vielleicht etwas zu klischeehaft, aber es gehörte nun mal zum Witz dazu. „Daraufhin der mit dem Wasserkopf: Füüüüüüüüt.“ Ich machte ein lang gezogenes Pfeifgeräusch, wie man es von kochendem Wasser in einem Wasserkessel kannte und wartete gespannt.

Als ich in die Runde schaute, blickten mir ratlose Gesichter entgegen. Jedoch nur für einen kurzen Moment, denn dann widmete jede der Grazien sich wieder ihrem Nachbarn oder den eigenen, perfekt manikürten Fingernägeln. Lediglich aus der gegenüberliegenden Ecke des Raumes kam ein unterdrücktes Lachen. Sarah saß dort mit zusammengepressten Lippen. Ihr ganzer Körper hüpfte unter ihrem Lachen auf und ab. Bei ihrem Anblick musste ich gleich mitlachen und nun ließ auch sie ihren Emotionen freien Lauf. Gemeinsam kicherten wir um die Wette und schaukelten uns dabei gegenseitig so hoch, dass wir missbilligende Blicke der anderen auf uns zogen. Uns war das in dem Moment total egal und ich war unglaublich erleichtert, dass wenigstens eine Person in diesem Raum meinen Witz verstanden hatte. Eine von zehn. Das sagte alles über das geistige Fassungsvermögen der anderen aus. Wenn ich wenigstens das Gefühl gehabt hätte, dass sie den Witz überhaupt nicht lustig fanden, aber die verständnislosen Gesichter sprachen Bände. Ich zog meinen Stuhl zu Sarah und setzte mich zu ihr. „Na der Witz hat ja eingeschlagen wie ne Granate. Kein Schwein lacht. War er denn wirklich so schlecht?“ fragte ich, um mir von ihr das Gegenteil bestätigen zu lassen. „Moment, lass mich kurz überlegen. Nein!“ kam es in einem Atemzug. Sarah wischte sich mit dem Ärmel ihres Pullovers eine dicke Lachträne aus dem Augenwinkel.

„Ich vermute eher, dass diese netten Mädelchen hier alle ein bisschen, sagen wir mal hohl sind.“ „Hohl?“ Ich tat verständnislos. Dann grinste ich. „Du meinst wohl strunzdumm!“ Elisa schien ein paar Wortfetzen aufgeschnappt zu haben, denn sie zeigte uns den Mittelfinger, bevor sie aus dem Zimmer stürmte. Dies löste einen weiteren Lachanfall bei uns aus, nach dem ich mir erschöpft den Bauch hielt. Wir sahen uns an. Zwar hatte ich mich von Beginn des Studiums an gut mit Sarah verstanden, aber dies war der Moment, in dem unsere tiefe Freundschaft begann, die uns bis heute verbindet.

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